Patrick Steinegger und ich haben etwas gemeinsam. Wir sind beide mit einem Ford Bronco aufgewachsen. Bei einem Treffen tauschen wir uns darüber aus, warum sich der alte Koloss so in unser Gedächtnis gebrannt hat.

Es ist ein warmer Samstagvormittag im Schweizerischen Weite, einem kleinen Ort an der Grenze zum Fürstentum Liechtenstein. Patrick sitzt auf der Haube seines Fords, ein Bein locker unter das andere geschlagen, das rote Base Cap tief in die Stirn gezogen, die Ärmel seines Jeanshemds hochgekrempelt. Wir treffen uns auf dem Parkplatz eines Dorfladens, um über die Gemeinsamkeiten unserer Kindheit zu reden, um uns Geschichten zu erzählen wie Veteranen, die von den guten alten Zeiten schwärmen, und natürlich, um zu fahren. Denn Patrick Steinegger ist gelungen, was mir bislang nicht geglückt ist: er hat den Ford Bronco Ranger XLT seiner Familie wiedergefunden

Ford Bronco Ranger XLT von 1979 © S. Baldvinsson

Ford Bronco Ranger XLT – der „Große Bronco“

Er ist einer der letzten seiner Art: Der Ford Bronco Ranger XLT aus den Jahren 1978 und 1979, der sogenannte „Große Bronco“ auf Basis des Ford F-100. Er kam, um gegen Chevrolet K5 Blazer und Dodge Ramcharger anzutreten, und lehrte die Konkurrenz bald das Fürchten. Im Bug arbeitet ein 5.8-Liter-V8 (351 cui), oder optional, wie in unseren beiden Fällen, ein 6.6-Liter-V8 (400 cui). Die Kraftübertragung erfolgt über die Drei-Gang-Automatik „SelectShift Cruise-O-Matic“. Serienmäßig ist ein zuschaltbarer Allrad mit Vorderrad-Differential an Bord, optional ein permanenter Allradantrieb. An der Hinterachse verzögern Trommelbremsen, vorne bereits Scheibenbremsen, beide mit zufriedenstellendem Erfolg.

Zur Sonderausstattung des Ranger XLT zählen rechteckige Scheinwerfer, dick verchromte Front- und Heckstoßfänger, eine Zierchromleiste um die Windschutzscheibe und größere, ebenfalls mit Chrom verzierte Radläufe. Die Karosserie sitzt auf einem Leiterrahmen, mit Längsträgern so massiv wie Stahlbetonträger im Burj al Arab. Das einzige, was hier bei einem Unfall knautscht, ist das Hindernis.

Ich setze mich auf den blauen Beifahrersitz und ziehe die Tür kräftig zu. Patrick wirft die Maschine an. Im Leerlauf gullert das Ungetüm wie ein schnarchender Dinosaurier. Patrick gibt Gas und für gefühlte drei Sekunden ertönt ein „ffffffffffff“. Der Bronco saugt kubikmeterweise Luft ein und lässt das Benzingemisch in seine Brennräume strömen. 0,825 Liter pro Zylinder. Dann stampft er los. Mit einem Leergewicht von knapp 2,5 Tonnen und fast 200 PS dank einer schärferen Nockenwelle erstaunlich agil. Vor allem aber laut.

Wir fahren zurück in die Kindheit: Patrick stand schon als kleiner Junge auf dieser Treppe und betrachtete den Bronco. © S. Baldvisson

Kindheitserinnerungen

Wir dröhnen zu dem ehemaligen Haus der Großeltern. Patrick erinnert sich an früher. Als Kind stand er oben auf der steilen Treppe, die auch heute noch an dem 500 Jahre alten Bauernhaus klebt, und betrachtete den Ford Bronco Ranger XLT seines Opas. Er beobachtete einfach, wie er da stand. Als Kind habe ihn die Größe des Broncos beeindruckt, sagt er, viel mehr aber noch der Klang.

Wobei das Wort „Klang“ untertreibt. Es ist mehr ein Grollen, das unter der schulterhohen Motorhaube donnert. Zur Kommunion, erzählt Patrick, sei der Opa mit dem Bronco gekommen. Vielleicht das größte Geschenk für den Jungen. Der Opa, sagt er, das sei auch so ein Typ, der zum Bronco passt. Bart, Holzfällerhemd, bärige Statur. Ein richtiger Bronco-Mann.

Mein Opa war ein richtiger Bronco-Mann, sagt Patrick.

„Mein Opa war ein richtiger Bronco-Mann.“

Erwin Schweizer kaufte den Ford bereits 1982. Er erneuerte den durchgegammelten 120-Liter-Tank des dreijährigen Broncos und ersetzte den verrosteten Auspuff durch eine Duplex-Anlage. Er verbaute eine schärfere Nockenwelle, rüstete einen zweiten Lüfter und einen Ölkühler nach, damit der V8 beim Ziehen nicht ins Schwitzen kam.

Von Anfang an fuhr er ihn nur im Sommer, zog damit seinen Wohnwagen nach Italien und zurück. Im Winter stand der Bronco in einem Schuppen draußen vor dem Bauernhaus und wartete darauf, dass es taute und die ersten Sonnenstrahlen sein weißblaues Blech wärmten.

23 Jahre nach der schmerzhaften Trennung darf ich endlich am Steuer eines Ford Bronco sitzen. © S. Baldvinsson

Meine wilde Bronco-Kindheit

Mein Vater war kein Typ, der ein Auto verhätschelte. Der Ford Bronco war Alltagswagen und Arbeitstier. Ganzjährig begleitete er meinen Vater zur Arbeit oder zog unser Schiff. Ich war noch im Bauch meiner Mutter, da rutschte er gemeinsam mit seiner schwangeren Frau schon über schlammige Berghänge, um die Geländeuntersetzung zu testen. Bald darauf fuhren wir mit Tauschmotor, weil mein Vater zu Beginn seiner Bronco-Liebe der Meinung war, man müsse bei einem 6.6-Liter-V8 kein Öl nachfüllen. Er wurde schnell eines Besseren belehrt.

An herbstlichen Sonntagen, wenn wir bei Wind und Wetter durch den Schwarzwald spazierten, wurde der Bronco grundsätzlich im Acker geparkt. Einmal grub er sich ein bis zum Bauch. Wir klemmten die Gummifußmatten unter die Reifen, die beim nächsten Gasstoß durch die Nacht fetzten wie angeschossene Fledermäuse. Am Ende zog uns ein Scorpio-Fahrer hinaus. Der Dolchstoß für meinen sturen Vater. (Die ganze Geschichte lest ihr hier.)

Schmerzhaftes Ende

Ich erinnere mich an Touren an die Ostsee. Das Schiff auf dem Trailer, der Bronco mit aufgeblasenen Hijackers, damit sich das Gespann nicht aufschaukelte. Ich erinnere mich, dass ich meinen Vater abends schon von Weitem hören konnte, wenn er nach Hause fuhr. Ich hörte, wie die Reifen über den Asphalt walzten. Die Mulden, die der schwere Wagen in die Auffahrt gedrückt hat, sind auch heute, 24 Jahre später, noch zu sehen.

Und ich erinnere mich, als mein Vater, inzwischen schwer erkrankt, seinen Ford Bronco Ranger XLT an einen Händler aus Konstanz verschenkte. Ich war zu jung, um zu widersprechen. Der Bronco verließ uns. Mein Vater starb vier Jahre später.

1996, als mein Vater seinen Bronco verschenkte, war Patrick Steinegger gerade zwei Jahre alt. Seine Bronco-Kindheit begann, als meine endete. Seine dauerte an bis zum Jahr 2005, bis zum Tod der Großmutter. Für seinen Opa brach eine Welt zusammen. Die Familie, die gemeinsamen Camping-Urlaube, das alte Bauernhaus in Weite, das war sein Leben. Nach dem Tod seiner Ehefrau wollte er es nicht mehr. Erwin Schweizer verkaufte den Bronco und verließ bald darauf seine Heimat. Noch im gleichen Jahr beschloss der elfjährige Patrick, dass er seinen Bronco eines Tages wiederfinden wollte.

Wir Bronco-Kinder sind uns einig: Das ist der Held unserer Kindheit. © S. Baldvinsson

Die Suche

Zwölf Jahre später, im Jahr 2017, begann er mit der Suche. Er postete alte Bilder in Facebookgruppen und bat die Mitglieder um Hinweise. Ein Nutzer meldete sich und stellte den Kontakt zum neuen Besitzer her. Patrick besuchte den Mann in Winterthur. Eine Woche später durfte er den Bronco für eine ganze Woche ausleihen.

Patrick erinnert sich: „Es war fast nicht zu beschreiben. Zuerst fuhr ich zu meinem Opa, der zu diesem Zeitpunkt gerade in der Schweiz war. Er sah den Bronco und ist fast ausgeflippt. Er ist gleich eingestiegen und wir sind zum alten Haus gefahren“. Die sieben Tage vergingen viel zu schnell. Patrick sagt, er weine nicht schnell, aber als er den Bronco zurückgeben musste und der Besitzer damit wegfuhr, rann eine Träne über sein Gesicht. Er sagt: „Es fühlte sich an, als wäre meine eigene Geschichte weggefahren“.

Ein Jahr später durfte er den Bronco noch einmal für ein Wochenende ausleihen. Ein Verkauf ist nicht drin, das machte der Besitzer klar. Patrick wagte auch nicht, zu fragen. Ein Jahr später aber ist der Wunsch, den alten Bronco zurück in die Familie zu holen, so stark, dass er Nerven bewies. Nerven wie Stahlträger.

Patrick Steinegger wird in den kommenden Jahren einiges investieren (müssen). © S. Baldvinsson

„Er ist 40 Jahre alt. Das darf man ihm auch ansehen.“

Im März 2019 rief der damals 25-Jährige in Winterthur an und fragte, ob der Ford Bronco seines Opas zu verkaufen sei. Der Besitzer antwortete mit einem Nein. Patrick pokerte, warf eine Zahl in den virtuellen Raum, die für einen Moment in der Leitung schwebte: 20.000 Schweizer Franken. Der Besitzer antwortete, dass er sich am nächsten Tag melden würde. Patrick erwartete einen Abfuhr. Doch es kam anders. Patrick konnte den Bronco abholen.

In Windeseile organisierte der junge Mann das Geld und bezahlte 20.000 Franken für einen Wagen, der in diesem Zustand vielleicht gerade einmal die Hälfte wert war. „Ich wollte ihn unbedingt haben“, sagt er so eindringlich, dass man ihm ohne Weiteres glauben mag, er hätte auch sein letztes Hemd gegeben. Was bedeutet ein Preis, wenn man seine Geschichte, seine Kindheit zurückholen kann?

Gemeinsam blättern wir in dem alten Verkaufsprospekt, den ich immer noch von meinem Vater habe. © S. Baldvinsson

Die Heimkehr

Schon bald möchte Patrick mit den Schönheitsreparaturen beginnen. Die Schweller und die Radhäuser, an denen aktuell schwarzer Steinschlagschutz klebt, sollen wieder in den originalen „Combination Tu-Tone“-Farben Weiß und Midnight Blue Metallic lackiert werden. Die fehlenden Zierleisten und die Nebellampen, die auf der verchromten Stoßstange sitzen, werden wieder angebracht. Der blaue Teppich muss gereinigt und vom Schimmel befreit werden. Denn leider ist der alte Ford nicht mehr ganz dicht. Das abnehmbare Top lässt Wasser durch.

Übrigens: Auf der Pressekonferenz der Neuvorstellung sagte ein Ford-Ingenieur über das abnehmbare Top: „Wenn dieses Top jemals auch nur einen Tropfen durchlässt, werde ich für den Rest meines Lebens Motorhaubenscharniere designen“. Nun, wir hätten da ein Top… aber vermutlich ist der Herr jetzt in Rente. Patrick will auch nur die ganz schlimmen Stellen am Blech ausbessern lassen. Es ist ihm wichtig, dass der alte Ford seine Patina behält. „Er ist immerhin 40 Jahre alt. Und so darf er auch aussehen“, sagt er.

Auch der Innenraum muss aufbereitet werden. © S. Baldvinsson

Das Urtier im Fürstentum

In diesem kleinen Staat zwischen der Schweiz und Österreich, in dem das Geld entweder in Form von sehr teuren, neuen oder sehr teuren, alten Sportwagen auf den sehr sauberen Sträßchen herumfährt, bildet der betagte Ford Bronco Ranger XLT mit seinen Blessuren am dicken Blech, mit seinem gurgelnden V8-Motor und dem klaffenden Chromgrill einen beeindruckenden Kontrast.

Er wirkt wie ein Urtier, das grollend durch sein Fürstentum schreitet und einen zierlichen, jungen Mann auf seinen Schultern trägt. Für Patrick ist der Bronco gewiss mehr als bloß ein Auto. Die beiden bilden eine Einheit, sind wie beste Freunde. „Wenn die Leute denken, dass ich spinne, ist mir das völlig egal“, sagt er ganz ruhig, in diesem schönen, breitgezogenen Schweizerdeutsch.

Der Bronco wirkt wie ein Steinriese aus dem Nebelgebirge. © S. Baldvinsson

Wir sitzen am Straßenrand und betrachten den alten Ford, der wie ein Steinriese aus dem Nebelgebirge auf der Straße steht. Es ist, als könnten wir ihn leise atmen hören. Patrick versinkt ein wenig in Gedanken. Er murmelt: „Er ist schon eine Erscheinung, oder? Ein richtiges Männerauto“. Dann lächelt er mich an. „Obwohl, irgendwie auch ein Frauenauto“.

Und dann spricht er aus, was ich schon lange weiß:
„Du kannst aber nicht irgendeinen kaufen. Es muss schon der deines Vaters sein“.

Wir sind Bronco-Kinder. © S. Baldvinsson

„Es muss schon der deines Vaters sein.“

Patrick Steinegger hat den Ford Bronco seiner Familie wiedergefunden. Und er hat mich bestärkt, die Suche nach dem Urtier meiner Kindheit wieder aufzunehmen. Patrick und ich bleiben in Kontakt. Wir sind seelenverwandt. Wir sind Bronco-Kinder.

Auf meinem Instagram-Kanal könnt ihr euch auch die Story „Bronco-Kinder“ ansehen.

Text: Margret Meincken
Bilder: Sveinn Baldvinsson

Wer hat den Ford Bronco meines Vaters gesehen?

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  • Farbkombination Combination Tu-Tone White / Dark Cinnamon Glow (weiße Haube, weißes Dach)
  • Drei-Speichen-Sportlenkrad
  • beige-braune Innenausstattung mit Box zwischen den Vordersitzen
  • Tauschmotor (6.6-Liter-V8) bezogen über Schwabengarage Stuttgart, verbaut bei Autohaus Eschbach Lauchringen
  • Fahrgestellnummer: U15SLBB0959
  • EZ-Datum USA: 01.07.1978

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