Die große Freiheit

von 19.02.18

Das Auto sei für Jugendliche nicht mehr so wichtig, stand kürzlich in einer Studie. Viel wichtiger als der Führerschein und das erste eigene Auto seien heute ein leistungsfähiges Smartphone oder ein Tablet. Die Prioritäten haben sich verschoben. Freiheit wird heute auf der Datenautobahn ausgelebt. Doch ist das Auto wirklich nur ein Statussymbol älterer Generationen? Oder ist es viel mehr als das? 

Ich bin in Waldshut-Tiengen aufgewachsen, einer Kleinstadt am Hochrhein, an der Schweizer Grenze, im Nirgendwo. Infrastruktur schien damals noch nicht erfunden. Busse fuhren einmal am Tag oder gar nicht. Lebte man außerhalb der Kleinstadt, blieben einem nur zwei Möglichkeiten: Entweder man fuhr mit dem Auto oder ging zu Fuß. Da ich – aus rechtlichen Gründen – erst mit 18 mit dem Auto in die Schule fahren durfte, ging ich jeden Tag zu Fuß. Ich verließ das Haus um 7 Uhr und kämpfte mich mit den übrigen Kindern über eine vier Kilometer lange Strecke durch Wind, Schnee und Regen.

Freunde, die aus den Nachbardörfern kamen, sah ich nur in der Schule. An nachmittägliche Besuche war nicht zu denken, wenn beide Eltern arbeiteten und nicht als Chauffeure ihrer Kinder tätig waren. Wir sehnten uns nach dem Führerschein, dem scheckkartengroßen Plastikausweis, der für uns nichts Geringeres bedeutete als die große Freiheit. Damals kostete der Führerschein im Schnitt 1.700 DM, das erste Auto bekam man entweder vererbt oder konnte es ab 500 DM käuflich erwerben. Ein Jahr hielt es allemal.

Mit dem Corsa in die Freiheit

Mein erstes Auto war ein Opel Corsa A. Ich erbte ihn von meinem schwer kranken Vater, der sich nicht mehr imstande sah, selbst zu fahren. Um dem Kleinwagen eine persönliche Note und meiner politischen Haltung Ausdruck zu verleihen, bemalte ich ihn mithilfe einer Schulfreundin. Alsbald war der Corsa in der Region bekannt wie ein bunter Hund und brachte mich am Schweizer Grenzübergang mehr als nur einmal in die Bredouille, da ein mit Blumen bemaltes Auto oftmals mit dem Besitz von Haschisch in Verbindung gebracht wurde. Natürlich wurde nie etwas gefunden – nicht, weil ich so einzigartige Verstecke kannte, sondern weil ich es tatsächlich jemals weder besessen noch konsumiert habe. Aber erzählt das mal deutschen Zöllnern.

Mit meinem ersten eigenen Auto fühlte ich mich wie ein Cowgirl, das endlich die Möglichkeit hatte, alleine quer durch die Prärie zu reiten. Plötzlich konnte ich meine Freunde sehen, wann ich wollte. Wir konnten abends ausgehen und mussten nicht von irgendeiner genervten Mutter abgeholt werden. Wir hatten unsere eigenen Pferde. Wir waren frei.

Von diesem Zeitpunkt an konnte ich mir ein Leben ohne Auto nicht mehr vorstellen, auch in der Großstadt nicht. Meine Kindheit, die ich überwiegend laufend verbrachte, hat mich geprägt und Spuren hinterlassen. Mit 19 fuhr ich in meinen ersten großen Urlaub. Mit meinem Opel Corsa A düste ich durch Schweden, wo er übrigens für viel Freude sorgte, weil die Schweden noch nie so kleines Autos gesehen hatten. Ich konnte nicht jede Tankstelle ansteuern, weil die schwedischen Zapfhähne nicht in die Tankstutzen deutscher Kleinwagen passten. Ich verlor meinen einzigen, nicht verstellbaren Außenspiegel, weil die skandinavischen Straßen aussehen wie zweispurige, idiotensichere Breitbahnen, aber eigentlich für undefinierbare Überholmanöver ausgelegt sind, bei denen bis zu vier Autos nebeneinander fahren könnten, rein theoretisch. Praktisch musste der Rückspiegel des Corsas dran glauben.

Eine verdammt geile Zeit

Wie Cowboys in ihre Planwagen packten wir unser Hab und Gut in unsere Autos, als wir die Heimat für unser Studium verlassen mussten. Wir besaßen nichts außer einer Reisetasche, ein paar Kisten mit Kleidung und ein altes Auto. Der treue Freund an unserer Seite, unser Ticket in die Freiheit.

Wir plagten uns mit spröden Benzinleitungen, tiefentladenen Batterien und katastrophalen Bremsen. Wir transportierten vier Meter lange Sofas, Vitrinenschränke und Betten. Wir besaßen bereits mit 18 Jahren eine ADAC-Mitgliedschaft, ohne die wir im Straßengraben elendig verendet wären. Wir fuhren bei sibirischer Kälte quer durch den Hochschwarzwald, weil wir Nigel Kennedy in Freiburg hören wollten und erahnten den Weg bei mit Salz verschmierten Scheiben und zugefrorenen Waschdüsen. Wir ließen durchgerostete Auspuffrohre von Freunden zuschweißen und kauften Reifen bei Roma in Hinterhofwerkstätten. Wir überbrückten unsere Autos in alten, wackligen Duplex-Garagen und suchten im Licht eines Feuerzeugs nach den Batteriepolen. Wir opferten den Kühler meines E-Kadett in einem Rennen gegen einen Golf 2. Wir gewannen das Rennen und verloren den Kühler.

Ich liebte jedes meiner Autos und baute zu jedem eine enge, persönliche Bindung auf. Ich hegte und pflegte meine Pferdchen im Stall, soweit es der studentische Geldbeutel zuließ. Wir hatten weder Smartphones noch iPads. Wir haben die Welt erobert und Erfahrungen gesammelt. Wir hatten eine verdammt geile Zeit.

Warum ich dieser Zeit hinterhertrauere, die sich so frei und unbeschwert angefühlt hat, lest ihr in So frei wie nie. Oder? 

Und in der neuen Rubrik „Fuhrpark“ findet ihr meine neue Pferdchen im Stall. Viel Spaß beim Lesen und Kommentieren!

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