Gedanken über Liebe und Trennung

von 23.02.18

Vor einigen Wochen spielte ich mit dem Gedanken, meinen V8 zu verkaufen. Ich ließ mich hinreißen von anderen Schönheiten, die mich mit ihrer Unkompliziertheit und Schlichtheit lockten. Sirenengesänge in meinen Ohren von günstigeren Ersatzteilen und weniger Verbrauch hallten in meinen Ohren wider.

Und tatsächlich kam ich ins Grübeln, zauderte, zögerte und spielte die Idee ernsthaft durch, ein Leben ohne meinen alten Audi zu führen. Ich glaubte, mich für etwas Jüngeres und Agileres trennen zu müssen, und hatte nur wenige Tage, nachdem der Gedanke geboren wurde, bereits mehrere potenzielle Käufer an der Hand. Doch als es ernst zu werden drohte, machte ich einen Rückzieher. Ich konnte es nicht. Manchmal sind Trennungen heilsam, befreiend und sogar notwendig. Diese wäre katastrophal gewesen. Das weiß ich heute.

Lieber Audi V8,

ich muss mich bei Dir entschuldigen. Ich habe geflirtet. Nicht nur einmal. Mit jüngeren. Mit Cabrios, Mustangs und Firebirds. Ich weiß, dass Du das gespürt hast. Aber Du bist mir einfach auf die Nerven gegangen mit Deinen ewigen Wehwehchen, deinen UFO-Bremsen, deinem leise vor sich hin siffenden Differenzial und Deiner Trinkerei. Naja, Sauferei trifft es eher. Und immer Super Plus, bloß kein billiger Fusel. Deine Gier nach Sprit und Öl, Deine Profilneurose.

Wärest Du noch ein Kind, hättest Du bestimmt ADHS und müsstest mit starken Mitteln behandelt werden. Ja, wenn ich ehrlich bin, halte ich Dich für einen Soziopathen. Aber der Beruf des Auto-Psychologen muss vermutlich erst noch erfunden werden, damit Du eine Sitzung bei ihm besuchen kannst. Mag sein, dass ich übertreibe, aber ich war einfach an einem Punkt angelangt, an dem ich Deine Marotten nicht mehr ertragen konnte.
Dabei verehre ich Dich. Immerhin hast Du sehr viel für mich getan. Und Du bist sexy – ich mag Deinen kräftigen Körperbau. Du bist stark, aber kein Prolet. Du bist muskulös und elegant zugleich. Ich liebe Deine tiefe Stimme, das saftige Gurgeln, das aus den Endrohren der CAC-Abgasanlage blubbert. Ich mag Deinen Look, die Farben, in denen Du Dich kleidest. Du hast Stil und zeigst es auch. So mancher Jungspund könnte sich eine Scheibe von Dir abschneiden.
Für Dein Alter siehst Du sogar noch ziemlich gut aus, hast kaum Dellen oder Kratzer im Lack. Gut, Du hast ein paar Falten im Leder und bist ganz leicht inkontinent, aber dafür gibt es ja „LecWec“, die Seniorenwindel für den betagten Youngtimer sozusagen. Aber das sind Kleinigkeiten, mit denen ich leben kann. Auch in Zukunft. Das weiß ich heute.
Du hast geahnt, dass ich über eine Trennung nachdachte. Du hast mich durchschaut, das konnte ich spüren. Deine Drehzahlschwankungen, Zündaussetzer und Stottereien waren klare Anzeichen dafür. Und Du hast mich bestraft dafür, dass ich über das Fremdgehen nachgedacht habe. Weißt Du noch im Stau auf dem Mittleren Ring? Du hast mich einfach stehen lassen – mitten im Petueltunnel. Du wusstest genau, dass der gemeine Münchner nach ungefähr drei Millisekunden fluchend auf seine Hupe einschlägt, wenn man nicht die zwei Meter zum Vordermann aufschließt.
Wahrscheinlich hast Du leise in Dich hineingelacht. Ich könnte es Dir nicht verübeln. Damals im Petueltunnel versprach ich Dir, dass ich Dich nie verkaufen werde. Ich streichelte Dir sanft über das Armaturenbrett. Ich hatte ausgesprochen, was für Dich so wichtig war. Zum Dank hast Du die Maschine wieder angeschmissen und Dir zwei Tage später sogar brav den Fehlerspeicher auslesen lassen. Häufig verrätst Du ja nicht, was Du hast; sagst nie, was Du denkst. Aber an diesem Freitag, bei Torsten, hast Du es gleich ausgespuckt. Der Leerlaufschalter hatte sich leicht verstellt, wahrscheinlich aus Trauer. Das weiß ich heute.

Ich werde Dich nicht verkaufen. Aber ich kaufe irgendwann noch einen Spielkameraden für Dich. Wer weiß, vielleicht werdet Ihr ja Freunde – was meinst Du?

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3 Kommentare

  1. Hallo Margret.
    Ich bin heute auf Deine Website gestoßen, habe Deinen schönen Artikel gelesen, mußte innerlich grinsen, denn vor so ähnlichen Herausforderungen habe auch ich einmal gestanden…
    Ich hatte eine Dekade das Top-modell, den 200 Avant 20V, war nicht zu toppen, was Fahrspaß, Alltagswert und Nutzen betraf. Der V8 kam für mich nicht in Frage, da er nicht die Variabilität besaß(Große Heckklappe, umlegbare Sitze, Reling). Für meinen Job war so ein Auto extrem wichtig (wahnsinns Drehmomment, hohe anhängelast), da ich für ca 10 Jahre nach meinem Studium eine Autoverwertung in der Nähe von Kassel besaß und der Wagen viel zu transportieren bzw. zu ziehen hatte…Vollaustattung, gebraucht gekauft 1994 von einem Unfallarzt aus Göppingen, 1.Halter war die Audi AG Ingolstadt, hatte ca. 1ooTkm gelaufen,
    in Papyrusmetallic, Teilleder, habe dann noch das rote Heckleuchtenband vom V8 eingebaut,
    ein Traum von 20V, dann noch chiptuning bei MtM. Habe ihn 9 Jahre gefahren, hat mich nie
    im Stich gelassen, Bremsen vorn waren Thema für sich (gekapselte Scheibe). Bei 420 Tkm habe ich ihn dann 2004 verkauft, trauere ihm heute noch hinterher. Wenn ich Unterstellmöglichkeiten gehabt hätte, so wäre er noch heute in meinem Besitz, habe letztlich aus meinem Garagenbestand viele Teile noch für sehr gutes Geld verkaufen können.
    Also, fahre Deinen V8 schön weiter, pflege ihn und gib ihn ja nicht weg…
    Lieben Gruß aus Göttingen,
    Imre
    Also

    Antworten
  2. Liebe Margret!

    Ich danke Dir für die wunderschönen Zeilen an das nicht minder schöne Auto! Seit gestern bin auch ich wieder stolzer Besitzer eines Audi V8 D (sehr richtig!) „1“ und nicht „11“;-) Ich fuhr bereits vor gut zehn Jahren einen 92er V8, den ich liebte, aber leider nach nur zwei Jahren ohne ein einziges technisches Problem verkaufen musste, weil meine Geldbörse chronisch negatives Wachstum verzeichnete – ähnlich dem Tank des V8… Ich habe es immer bereut… Nun habe ich gestern an einem Sonntag die gut 400 Kilometer von Kassel nach Berlin zurückgelegt, in freundlicher Begleitung meines guten Freundes Dirk, der bereits beim ersten V8 Kauf mein Begleiter war. Tradition hat schon was;-) Es ist ein 91er „Kassenmodell“. Ausser Schiebedach und Radio „Gamma“ hat er quasi kaum Ausstattung, aber dafür ist das Scheckheft durchgestempelt:-) Er braucht ein bisschen Kosmetik, aber technisch ist er top! Den werde ich nun in den nächsten zwei Jahren mit viel Liebe und aller notwendigen Zeit wieder richtig schön machen und dann wird er hoffentlich das begehrte „H-Kennzeichen“ bekommen. Die Rückfahrt, (DANKE, Dirk – dass Du den Diesel wieder zurück nach Nordhessen gebracht hast!), war ein Traum, trotz Sturm, Schnee und Hagel! Während der Fahrt nach Berlin und auch während der Rückfahrt musste ich oft an Deinen Text denken, Margret – vielen Dank für das Lächeln in meinem Gesicht! Wunderbar finde ich auch, dass eine Frau diese schönen Zeilen verfasste – mitunter stoße ich gerade bei Frauen eher auf Unverständnis, wenn ich meine Liebe zum V8 erwähne… Fazit: Audi V8 verkaufen? Nie wieder!!!

    Antworten
    • Lieber Stefan,
      vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Wunderbar, dass du dir wieder einen V8 gekauft hast. Langsam werden gute Exemplare rar, also behalte und pflege ihn. Er wird es dir mit unverwüstlicher Zuverlässigkeit danken. 🙂 Übrigens habe ich auch „nur“ ein Kassengestell – sogar noch ein wenig mehr als du. Mein alter Kahn hat nämlich nicht einmal ein Schiebedach (das vermisse ich nicht) oder ein originales Gamma (das vermisse ich schon mehr!).

      Ich habe meinen V8 vergangenen Winter zum ersten Mal in seinem Leben in den Winterschlaf geschickt. Am 1. April, als er endlich wieder auf die Straße durfte, war jede Faser meines Körpers angespannt. Wird er anspringen? Wird er zicken? Wäre ja nicht das erste Mal, dass er mich ärgert. Aber ich musste nur die Batterie anklemmen und der Motor gullerte, als hätte ich ihn gestern erst abgestellt. Die erste Fahrt war herrlich. Deshalb schließe ich mich dir an: Audi V8 verkaufen? Niemals! Alles Liebe und bis bald!

      Antworten

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