Matthias Kahle tanzt Rallye-Polka

von 31.08.18

117 Jahre Motorsporttradition feiert Škoda auf dem Oldtimer Grand Prix – unter anderem mit dem legendären Škoda 130 RS, der sowohl auf der Rundstrecke als auch im Rallyesport Geschichte geschrieben hat. Matthias Kahle, siebenfacher Deutscher Rallye-Meister, treibt den Porsche des Ostens meist quer über den Nürburgring, mit Jutta auf dem Beifahrersitz. Doch es sind nicht nur die Fahrkünste, die meine Kollegin nachhaltig beeindruckt haben.

Ein Gastbeitrag von Jutta Steinbrück-Weiß

Startaufstellung in der Boxengasse des Nürburgrings für die Meilensteine der Škoda-Motorsportgeschichte. Zwischen Raritäten aus Werksmuseum und Privatbesitz röhrt ein Škoda 130 RS, mit größerer Bodenfreiheit und schwerer Scheinwerferbatterie an der Front. Dass ein Rallyefahrzeug auch auf der Rundstrecke artgerecht bewegt werden kann, beweist Rallyefahrer Matthias Kahle direkt in der ersten Kurve. Aus vollem Galopp pendelt er mit einer kurzen Lenkradbewegung in die Gegenrichtung den 800 Kilo leichten Wagen an, lenkt dann zackig in die Kurve ein, lässt das Heck des 130 RS quer kommen, lenkt gegen und stabilisiert den Drift über den Gasfuß. Exakt folgen die Hinterräder dem Kurvenradius zwei Zentimeter neben den Curbs.

Das muss ein Auto aushalten!

„Ich verstehe mich als Künstler. Das Auto ist mein Bleistift, mit dem ich zeichne“, sagt er später bei unserem Gespräch im Škoda-Zelt. „Um ein Bild malen zu können, muss ich diesen Stift entsprechend benutzen.“ Deswegen habe er auch keine Hemmungen, so ein wertvolles historisches Fahrzeug bei einer Rallyeveranstaltung auf der Schotterpiste im Grenzbereich zu bewegen. Er versuche dabei, so schonend wie möglich mit seinem Werkzeug umzugehen, doch die Anforderungen einer Rallye müsse es nun mal aushalten. „Natürlich fällt mir das leichter, seitdem ich nicht mehr selber schrauben muss, sondern die Fahrzeuge perfekt vorbereitet zur Verfügung gestellt bekomme“, ergänzt er lächelnd.

Dass Kahles Fahrweise nicht nur erfolgreich ist, sondern auch gut für das Material, schätzt man in der Werkstatt von Freund und Geschäftspartner Jens Herkommer sehr. „Der Matthias macht nichts kaputt, er hat noch nie ein Auto gecrasht“, verrät mir Mechaniker Felix, der die historischen Škodas betreut. Eher werde die lediglich dreifach gelagerte Kurbelwelle des 1300ccm-Motors beim 130 RS weich und müsse getauscht werden.

Woher kommt dieses herausragende Fahrtalent?

Matthias Kahle wurde 1969 in Görlitz geboren. Bereits mir vier Jahren wusste er, was er später einmal werden wollte, auch ohne motorsportliche Prägung in der Familie. Ein Video namens „Rallye-Polka“, in dem man aus der Vogelperspektive einen Škoda 130 RS zu Musik driften sah, hatte es ihm in seiner Jugend angetan: „Das war, als ob der Fahrer mit dem Wagen tanzte.“

Beim Opa lernte er schon früh Traktor- und Autofahren. Als er den Führerschein hatte, chauffierte er seine Kumpels an den Wochenenden zu der zehn Kilometer entfernten Disco. Doch anstatt mit ihnen feiern zu gehen, fegte er lieber über die Strecke zwischen Partytempel und Wohnort. „Damals waren die meisten Landstraßen in unserer Region geschottert. Da konnte man prima trainieren, genauso wie auf den Pisten in den Tagebaugebieten“, sagt Kahle.

Da sein Berufswunsch bereits seit Kindheitstagen feststand, hatte Matthias Kahle auch seine Karriere schon genauestens geplant. Doch der Mauerfall krempelte seine Pläne um. „Dann kann ich ja jetzt gleich Rennfahrer werden“, sagte er und klemmte sich das ursprünglich anvisierte Kfz-Technik-Studium, das er bei Weiterbestehen der DDR absolviert hätte.

Um herauszufinden, ob seine Fähigkeiten zum Rallyefahren ausreichen, besuchte er ein ADAC-Rallyetraining. „Ich kannte das wettbewerbsmäßige Rallyefahren bis dahin nur aus dem Fernsehen und hatte keine realen Vergleichsmöglichkeiten, ob ich gut genug fahren konnte, um damit mein Geld verdienen zu können.“ Harald Demuth, der Trainer der ADAC-Schulung, meinte nur, er solle damit mal weitermachen.

Vom Außenseiter zum Ausnahmefahrer

Bei seiner ersten Rallye 1993 in Wittenberg startete er in der klaren Außenseiterposition. Mit seinem Peugeot 205 GTI, den er durch sechs Jahre Arbeit im Braunkohlebergbau selbst finanzierte, und einer Volvo 740 Limousine als Service-Fahrzeug beendete er diese Veranstaltung mit einem haushohen Klassensieg.

„Ich bin eben gefahren wie die Fahrer bei den Wettbewerben, die ich immer im Fernsehen gesehen hatte. Das war halt die World Rallye Championship. Andere Beispiele hatte ich nicht, ich war auch nie als Zuschauer bei Rallyeveranstaltungen“, sagt Matthias Kahle schon fast entschuldigend. Dass es bereits in der DDR eine Rallyeszene gab, habe er damals gar nicht gewusst.

Zwei Jahre später gewann er eine Nachwuchsfahrersichtung und wurde von Toyota als Werksfahrer unter Vertrag genommen. Selbst nach so vielen Erfolgen (siehe unten) hat Matthias Kahle keine Probleme mit der Motivation. „Ich mache das, was ich immer machen wollte. Und wenn die Aufgabenstellung ist, zu gewinnen, sollte man diese Aufgabe erfüllen“, sagt er und grinst.

Man hört deutlich heraus, dass das Rallyefahren immer noch sein Traumberuf ist, auch wenn er seit 2011 in erster Linie für Škoda Oldtimer-Einsätze fährt. Solche Demofahrten wie hier beim OGP absolviert er dann in der Regel mit der nach seinen Wünschen abgestimmten Rallyeversion des 130 RS.

Perfektes Handling im Škoda 130 RS

Der mit einem 136 PS-Vierzylinder-Heckmotor mit Trockensumpfschmierung ausgestattete Wagen verfügt über eine Schräglenker-Hinterachse, eine gewichtssparende Außenhaut aus Aluminium und GFK sowie eine gegenüber der Rundstreckenvariante kürzere Getriebeübersetzung. In den 1970ern punktete Škoda mit diesem Fahrzeug im Rallye-Sport in der Klasse bis 1300 ccm. Bei der 1977er Rallye Monte Carlo und bei der Schweden-Rallye ein Jahr später gelang den Tschechen jeweils der Doppelsieg.

Auf meine Frage, mit welcher Eigenschaft des Škoda 130 RS er beim Auto-Quartett punkten würde, benennt Matthias Kahle sofort die überragende Fahrbarkeit und lobt den großen Grenzbereich, in dem sich das Fahrzeug ohne böse Überraschungen bewegen lässt. Das Handling sei einfach super, die Motorleistung über ein breites Drehzahlband abrufbar, und durch das leicht übersteuernd ausgelegte Fahrverhalten mache der Wagen immer das, was man von ihm wolle.

Bei dieser schwärmerischen Beschreibung ist sie deutlich zu spüren – die Leidenschaft für alte Autos, besonders für dieses eine, mit dem sich so wunderbar die Rallye-Polka tanzen lässt.

Fotos: Dirk Weiß / Jutta Steinbrück-Weiß

Siege von Matthias Kahle
  • 1994 Deutscher Amateur-Rallye-Meister
  • 1997 Deutscher Rallye-Meister/Toyota
  • 1998 Deutscher Rallye-Vizemeister
  • 1999 4 WRC-Läufe, Sieg 3-Städte-Rallye/Toyota
  • 2000 Deutscher Rallye-Meister/Seat
  • 2001 Deutscher Rallye-Meister/Seat
  • 2002 Deutscher Rallye-Meister/Škoda
  • 2003 Deutscher Rallye-Markenmeister/Škoda
  • 2004 Deutscher Rallye-Meister/Škoda
  • 2005 Deutscher Rallye-Meister/Škoda
  • 2006 Gesamtsieger Deutsche Rallye Serie/Škoda
  • seit 2007 Einsätze im historischen Rallyesport/Škoda, u.a. zweifacher Sieger der AvD-Histo Monte
  • seit 2008 eigene Firma: Kahle Motorsport
  • 2010 Deutscher Rallye-Meister/Škoda, 10. Platz Rallye Dakar/Buggy
  • 2011 2. Platz Sachsen- und Lausitz-Rallye/Škoda, IRC-Einsätze in CZ, H, GB, CY
  • seit 2011 Oldtimer-Einsätze für Škoda als Markenbotschafter
  • 2012 Sieg Lausitz-Rallye/Škoda
  • 2016 Sieg Lausitz-Rallye/Škoda
  • 2017 2. Platz Lausitz-Rallye/Škoda

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