Volvo 850 T-5: Wolf im Elchsgewand

von 03.06.19

Seit 1993 träumt Christian von einem Volvo 850 T-5. 25 Jahre später kauft er ihn endlich. Ob es sich gelohnt hat?

Ich habe dein Auto gefunden. Nur diese eine Zeile schreibe ich, darunter setze ich den Link zur Kleinanzeige. Es ist das Auto, von dem mein Ehemann schon als Lehrling träumte: ein Volvo 850 T-5 in silbermetallic, mit Stufenheck und Automatik. „Als Kind zeichnete ich Autos, die genau so aussahen wie diese Limousine“, erinnert sich Christian. Seine Eltern kamen Ende der 1960er als Gastarbeiter aus Bosnien, der Vater arbeitete jahrzehntelang bei Daimler am Band, Autos spielten eine große Rolle in der Familie.

Christian begann seine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker 1993 in einem Volvo-Autohaus in Böblingen. Er half gerade bei der Restauration eines 244, als ein nagelneues Ausstellungsstück in den Showroom rollte. Genau so einen wollte er haben, irgendwann, wenn er es sich leisten könnte, einen T-5 in silbermetallic, mit Stufenheck und Automatik.

Der Griff nach den Sternen

Geboren wurde der 850 bereits 1978, wenn auch nur auf dem Papier. Im Rahmen des Forschungsprogramms „Galaxy“ führte Volvo zwei neue Modellreihen ein: eine niederländische, die 400-Baureihe, und eine schwedische, den 850, beide mit Frontantrieb. Volvo griff wortwörtlich nach den Sternen und steckte 15 Milliarden Schwedische Kronen in die Entwicklung, das entspricht heute etwa 2,7 Mrd. Euro. Es war die bis dahin größte Entwicklungsinvestition der schwedischen Industriegeschichte.

Ganze 13 Jahre später präsentiert Volvo mit dem 850 gleich vier Weltneuheiten auf einen Streich. Im Bug arbeitet ein Alu-Block, der aus dem Reihensechser des 960 hervorgeht, nur ohne den sechsten Topf. Der Fünfzylinder sitzt quer im Motorraum und treibt die Vorderräder an. Die Delta Link-Hinterachse, eine Mehrlenkerachse mit Einzelradaufhängung, sorgt für ausreichend Stabilität, auch bei sportlicher Fahrweise. Automatisch höhenverstellbare Gurte für die Vordersitze sind in der breiten B-Säule untergebracht.

Doch die wohl größte Innovation ist das SIPS, ein ausgeklügeltes Seitenaufprallschutzsystem, bei dem die Aufprallenergie in die Fahrzeugmitte gelenkt, die Vordersitze seitlich verschoben und die Mittelkonsole zwischen den beiden Vordersitzen gestaucht werden kann. Das SIPS war auch der ausschlaggebende Grund, warum der Volvo 850 seinerzeit zum „sichersten Automobil der Welt“ gekürt wurde. Seine Sicherheitsmerkmale können sich bis heute sehen lassen.

SIPS: Side Impact Protection System
Blinkbox im Motorraum

Pures Understatement

Wir vereinbaren einen Termin und fahren nach Bergkirchen, einem Dorf nordwestlich von München. Auf den ersten Blick wirkt der Volvo 850 T-5 ein wenig bieder, wie das Auto eines Lehrers, eines Hochschulprofessors vielleicht. Zwar lässt das Design des neuen, alten Schweden keine Zweifel offen, dass es sich beim 850 um einen Volvo handelt, doch er sieht eben nicht mehr ganz so aus, als wäre er mit der Kettensäge geschnitzt. Seine weichen Kanten machen ihn zeitlos, wenn auch weniger markant als seine Vorgänger. In der heutigen Zeit, in der Autos immer breiter und aggressiver werden, wirkt sein Understatement fast erhaben.

Wir sinken auf das schwarze Ledergestühl, drehen ein paar Runden, die serienmäßige Auspuffanlage röhrt, 225 durch einen Abgasturbolader aufgepeitschte Pferde preschen nach vorn. Spätestens jetzt ist klar: Das ist keine Beamtenkutsche, das ist ein Wolf im Elchsgewand.

Blinkbox: Echte On-Board-Diagnose

Nach der Testfahrt lesen wir den Fehlerspeicher aus, ganz ohne externes Gerät. Denn vorne im Motorraum sitzt die sogenannte „Blinkbox“, eine On-Board-Diagnosebox. In der Verschlusskappe findet sich ein Pin mit Leuchtdiode, den man in die jeweilige Buchse des auszulesenden Steuergeräts stecken kann. Und schon geht es los: Volvo telefoniert nach Haus, morst seine Fehler in dreistelligen Blinkcodes in die Außenwelt. Anhand von Listen, die leicht im Internet zu finden sind, lassen sich die Fehler zuordnen. Unkomplizierter geht es nicht.

Ja, es hat sich gelohnt

Auch äußerlich steht der Silberelch gut da. Keine Lackschäden, kaum Rost. Seine Laufleistung von 260.000 Kilometern sieht man ihm nicht an, was übrigens typisch ist für gut gewartete Volvo. Einst war der 850 seiner Zeit voraus. Für uns kommt er zur rechten. Wir zahlen 2.500 Euro. Bei diesem Preis ist klar: da muss noch investiert werden. Dennoch: Ein guter Kauf. Der Mann ist glücklich. Ich bin es auch.

Meine Empfehlung

Bei Volvo sollte man sich nicht von hohen Laufleistungen abschrecken lassen. Wichtiger sind regelmäßige Wartungen und Reparaturen. Richtig Spaß macht die lammfromme Optik in Kombination mit dem bärenstarken Fünfzylinder. Für alle, die Understatement mögen, ist der Volvo 850 T-5 genau das richtige Auto.

In der Rubrik „Fuhrpark“ findet ihr weitere Informationen über unseren Volvo 850 T-5.

Elchfutter einwerfen

Dieser Beitrag hat dir gefallen?
Du kannst meine Arbeit unterstützen.
Warum?

2 Kommentare

  1. Oh ja, wie habe ich den Klang des Fünfenders als Azubi geliebt … die Dienstreisen mit meinem Kollegen Rudi aus der Schadenregulierung, der einen Volvo 850 GLE Kombi fuhr, gehörten absolut zu den Highlights meiner Ausbildung bei einer Versicherung im Hamburg 🙂

    Antworten
    • Hi Tom,
      tatsächlich klingt der Fünfzylinder im 850er richtig schön satt. Für mein Gehör viel angenehmer als (Achtung, blasphemische Äußerung folgt) das Kreischen, das der Audi-Fünfender von sich gibt. 😄

      Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

Wenn du einen Kommentar abschicken möchtest, werden dein Name, deine IP-Adresse, deine E-Mail-Adresse sowie der Inhalt gespeichert. Weitere Informationen zur Kommentarfunktion auf dieser Website findest du in meiner Datenschutzerklärung. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Keep it rollin´

 

Abonniere meinen Newsletter und erhalte eine E-Mail,
wenn ich neue Artikel veröffentliche oder Neuigkeiten
mit dir teilen möchte.

Ich freue mich, dich als neuen
Stammleser begrüßen zu dürfen!

Vielen Dank für dein Abonnement! Du erhältst nun eine E-Mail, in der du nur noch auf den Link klicken musst, um zukünftig meine Newsletter zu erhalten (Double-Opt-In-Verfahren). Keine E-Mail bekommen? Dann sieh´doch bitte auch einmal im SPAM-Ordner nach.