Warum machen wir immer weiter?

von 21.05.19

Die Karre aufgebockt in der Garage, der Rücken schmerzt, an den Händen kleben Motoröl, WD 40 und Bremsenreiniger. Wir alle kennen das. Wir fluchen und verwünschen die Zicke, die da auf den Böcken hockt. Obwohl der Ärger meist schnell vorübergeht, verlieren wir doch manchmal die Nerven mit den alten Kisten. Warum tun wir uns das an? Warum schrauben wir immer weiter? Und warum kaufen wir nicht einfach mal was „Neues“?

Jedes unserer Autos hat mindestens 20 Jahre auf dem Buckel. Gemeinsam haben wir schon viel erlebt. Nicht immer Schönes, aber immer Unterhaltsames. Die alten Kisten speichern diese Erlebnisse, wie Zeitkapseln, mit denen man praktischerweise herumfahren kann. Sie haben ein elegantes Design, häufig von Understatement geprägt, und stechen heraus aus dem Einheitsbrei der Plastikautos. Im Übrigen stammen sie aus einer Zeit, in der man noch Wert auf Qualität gelegt hat (Stichwort „Langzeitauto“).

Und ja, Kritiker hören es nicht gerne, sie sind auch ökologisch. Warum sollte man etwas wegwerfen, was noch hervorragend funktioniert, und es durch etwas ersetzen, dessen Produktion die Umwelt um ein Vielfaches belastet? Ich erhalte ein Stück automobile Geschichte – für mich, aber auch für jeden anderen, der sich an diesen Autos erfreut. Und da nimmt man die Anstrengungen doch gerne in Kauf. Oder was meint ihr?

Da ich nur für mich sprechen kann, habe ich vier Freunde gefragt, warum sie immer weiterschrauben. Was treibt sie an?

Gerne könnt ihr in den Kommentaren unter dem Text mitdiskutieren.

Peter und sein Audi V8

„Ein unmittelbareres Erfolgserlebnis gibt es kaum“

Ich habe das Gefühl, der Zeit ein Schnippchen schlagen zu können. Mit jeder Schraubaktion wird das alte Schätzchen den Klauen des Autoschredders entrissen. Dazu kommt die Sucht nach den Endorphinen, die ausgeschüttet werden, wenn das moribunde Gefährt nach viel Schweiß und Tränen wieder zufrieden vor sich hin brummt.

Es ist dieser unmittelbar sichtbare Erfolg des Schaffens, der mich antreibt. Für mich als Schreibtischtäter, der den ganzen Tag einen Computer füttern muss, ist das besondes wichtig. Zur Zeit habe ich besonders Freude am Anfertigen von irgendwelchen Haltern und Bügeln, z.B. für Ölkühlerleitungen.

Übrigens: Wie ich von Prof. Harari gelernt habe, waren die Gehirne von Jägern und Sammlern größer, als es die des modernen Menschen heute sind. Die Herausforderungen an das Individuum waren damals viel größer. Wenn ich heute also seltene Ersatzteile jage und sammle, und diese erjagten Ersatzteile dann mit der Kraft meiner eigenen Hände in mein lahmendes Auto baue, dann… Nun, der Rest ist klar, oder?

Hannes und sein Lada 1500

„Ich will ein Auto, das nicht jeder hat“

 

Seit meiner Kindheit faszinieren mich alte Autos. Ich träumte schon immer davon, einen Oldtimer zu fahren. Und so kam es, dass mein allererstes Auto ein Volga GAZ 21 war, den ich mir während meiner Auslandszivi-Zeit in Moskau kaufte. Relativ schnell begriff ich, dass man sich in diese Autos nicht einfach reinsetzen und losfahren konnte. Es war immer sehr, sehr viel zu tun…  und irgendwann musste ich das Fahrzeug aus Geldmangel wieder weggeben.

Ich liebe es Autos zu fahren, die nicht jeder hat und die man nicht an jeder Ecke sieht. Irgendwann, als wir ein neues, familientaugliches Auto brauchten, dachte ich: Ich möchte aber gar kein neues Auto, weil ich diese seelenlosen Kisten an jeder Ecke sehe und sie sich kaum mehr voneinander unterscheiden. Dann denkt man an die Autos, die man aus seiner Kindheit oder Jugend kennt. Für dieses „Anti-Mainstream-Feeling“ nehme ich gerne manche Unannehmlichkeiten in Kauf, wie z.B. Abstriche beim Komfort oder einen etwas höheren Verbrauch. Wobei –  ist er denn überhaupt so viel höher?

Manchmal kommt man an seine Grenzen, und zwar dann, wenn man Gefahr läuft, dass die Probleme größer werden als das gute Gefühl nicht im Auto-Mainstream mitzuschwimmen. Meistens klärt es sich dann über irgendein Forum oder nette, hilfsbereite Gleichgesinnte.

Lars und sein Volvo PV 444 LS „Elsa“

„Für mich ist es auch eine Geldfrage“

Die Frage habe ich mir schon häufig gestellt. Besonders dann, wenn ich wieder tagelang mit dreckigen Fingernägeln herumlaufen muss, weil das Fett sich nicht einmal von Wasser beeindrucken lässt. Oder wenn mein Kontostand einmal wieder monatelang Nordsee spielt, dabei aber nur einen auf Ebbe macht und die Flut vergisst…

Bei mir spielt die Faszination der Technik eine große Rolle. Moderne Autos haben ja so Sachen wie Keyless Go, Gestensteuerung und tausende von Sensoren und Aktoren, die ein Auto sparsamer und angeblich sauberer machen sollen. Ich mag Technik lieber in ihrer puren Form – am liebsten ganz mechanisch. Wenn Schrauben, Guss- und Schmiedeteile, die man einzeln ja eigentlich für nichts gebrauchen kann, in Harmonie zusammenarbeiten, bin ich immer wieder fasziniert. Zudem kann man Mechanik fast immer instand setzen – vermutlich auch noch in einhundert Jahren.

Andererseits ist das Selbstschrauben für mich aber auch eine Geldfrage. Müsste ich mit jeder Kleinigkeit in einer Werkstatt fahren, hätte ich mit Sicherheit wohl nur ein Auto. Also mache ich es selbst – und versuche daraus auch gleich etwas zu lernen. Dass ich mir nach der dreijährigen Restauration von Elsa geschworen hatte, kein Projektauto mehr zu kaufen, hatte ich mir immerhin für zwei Jahre gemerkt. Dann kaufte ich meinen alten, abgerockten Mercedes „Hein“ und alles ging von vorne los. Die „Qualen einer Reparatur“ (unerreichbare Muttern, abgerissene Schrauben, das falsche Ersatzteil wurde geliefert…) sind überall gleich.

Vielleicht bin ich aber auch einfach zu anfällig für alte, liebesbedürftige Fahrzeuge. Die haben übrigens nicht nur mehr Charme, sind vielleicht auch etwas „exklusiver“, sondern sind häufig  auch günstiger im Unterhalt. Zum einen hat man meist keinen Wertverlust mehr, zum anderen sind auch die Ersatzteile häufig günstiger. Wenn ich mir die Reparaturkosten meiner Neuwagen fahrenden Freunde anhöre, bin ich über meine alten Klapperkisten froh. Hein fährt genauso ruhig und sparsam wie einige moderne Autos. Gut, er rostet an einigen Ecken, ist zerkratzt und ich muss an den Fenstern noch kurbeln – aber das ist mir ganz egal.

Außerdem gibt es kaum ein besseres Gefühl, als eine erfolgreiche Probefahrt nach einer anstrengenden, dreckigen und verzwickten Reparatur. Sofort sind die Nervenzusammenbrüche, all die Liter von vergossenem Blut und jeder noch so bitterböse Fluch vergessen und die Sonne scheint selbst bei dunklen Gewitterwolken viel heller als zuvor. Sind die Zündaussetzer endlich weg, ist das Fahrwerk wieder straffer oder schließt das Schiebedach wieder von alleine – all das sind die kleinen Momente, die für ganz große Glücksgefühle sorgen können.

Und ich glaube insgeheim, dass sich viele Schrauber auch über Defekte freuen. Egal, wie viel Qual es ist, das Auto fitzumachen und fitzuhalten – das Gefühl, wenn alles rund läuft – das lässt das Schrauberherz doch eigentlich höherschlagen. Zumindest meins.

(Lars bloggt über seine Autos auf Watt´n´Schrauber – schaut mal vorbei!)

Lutz und sein BMW E30

„Was ich mit dem Geld alles erreichen könnte!“

Es war 1992, als ich meinen ersten BMW E30 kaufte. Da waren die ersten Exemplare dieser Baureihe schon fast zehn Jahre alt. Schon kurz danach tauchten sie häufiger auf Schrottplätzen auf, da die ersten Exemplare keinen Kat hatten. Ich schraubte hier und da mal was ab: Scheinwerfer, Stoßstange, Kotflügel… was man eben so brauchen kann. Als mein treuer BMW dann irgendwann mal nicht mehr zu retten war, suchte ich wieder einen E30. Schließlich hatte ich mittlerweile den Keller voller Ersatzteile und kannte das Modell bis zur letzten Schraube.

Ein Neuwagen? Klar dachte ich da schon oft daran. Meine Frau muss bei Wind, Wetter und Schnee 35 km durch den Hochschwarzwald zur Arbeit. Das schlechteste (und durstigste) Auto das wir je hatten – ein E39 528i BMW – wurde schleunigst gegen einen neuen Holzklasse-Sandero getauscht. Der schluckte nur noch die Hälfte, hatte drei Jahre Garantie und kostete neu soviel wie der 5er in drei Jahren an Sprit und Reperaturen vernichtet hatte.

Aber: Der Dacia hatte eben nicht den Stellenwert meiner Autos. Nichts weiter als eine emotionslose Dose, um täglich möglichst günstig Kilometer zu fressen. Ich erinnere mich an die „Taufe“: Der Dacia war grade zwei Tage alt, da beschlossen wir aus einer Bierlaune heraus (wie sollten solche Ideen auch sonst entstehen?) den Sandero auf „Datsche“ zu taufen. Ich füllte einen Luftbalon mit Bier und schleuderte ihn gegen die Heckklappe. Der Balon blieb ganz, die Heckklappe hatte eine Beule. Wir lachten uns kaputt! Wäre das an einer meiner alten Kisten passiert, wäre ich natürlich ausgerastet.

Warum ich selbst nie an einen Neuwagen denke: Weil mir im selben Moment einfällt, was ich mit diesem Geld an meinen alten Autos erreichen könnte!

Wenn ich mir nur überlege, dass ich vor etwa zehn Jahren einen schönen Sechszylinder E30 für 2000 Euro gekauft habe, zehn Jahre Spaß damit habe, allein der Sound, das Drehmoment, das schicke Design und ja, auch das Schrauben an durchdachten Konstruktionen ohne Spezialwerkzeug, Laptop und unsinnige Verkleidungen. Wenn ich nun also dieses Auto nach zehn Jahren Fahrspaß, Freude, Emotionen für 6000 Euro verkaufen könnte, so überlege ich: Was hätte ein vergleichbares Neufahrzeug in diesen zehn Jahren besser gemacht? Abgesehen davon, dass ich an diesen Großrechnern nicht mehr viel selber machen kann.

Wenn mich also jemand fragt: „Hast du nie an einen Neuwagen gedacht?“, antworte ich wahrheitsgemäß „Ich verstehe die Frage nicht!“.

Bildquellen: Privat

Jetzt bin ich gespannt auf eure Kommentare!

An welchem Auto schraubt ihr besonders gerne? Welche rauben euch den letzten Nerv? Und wessen Meinung teilt ihr?

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1 Kommentar

  1. Hey Margret.
    Ich schraube seit Jahren an meiner Diva,einem 67er Käfer rum.
    Ist es nur mein Hobby oder bin ich nur völlig „schmerzfrei“ obwohl ich ständig blutige,ölverschmierte Hände habe und meine Klamotten nach Getrieböl stinken? Ein bisschen gaga muss man schon sein um sich das an zu tun.
    Ich belohne mich meist mit stundenlangen Ausfahrten bis die Sonne untergeht… Bis zur nächsten Reparatur 🙂

    Viele Grüße Ben

    Antworten

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