Zukunftspläne

von 04.02.19

Viele von euch kennen die Geschichte über meinen Vater und seinen Ford Bronco. Sie ist lustig, schräg, und am Ende ein bisschen traurig. Über den Bronco scheint alles erzählt. Deshalb möchte ich euch heute, am Weltkrebstag, die Geschichte meines Vaters erzählen.

Mein Vater hieß Ekkehard. Er wurde am 25. November 1930 in Bremen geboren, wuchs in der Lüneburger Heide auf und studierte in München Medizin. In den 1970ern zog er gemeinsam mit meiner Mutter von Bayern in den Südschwarzwald, nach Tiengen am Hochrhein, und machte sich schon bald darauf selbständig. Jeden Morgen gullerte er mit seinem Ford Bronco in seine kleine Praxis, nachmittags weiter zu Patienten, die nicht mehr zu ihm kommen konnten. Er war so was wie der Landarzt, nur cooler. Ausgebeulte Cordhose, weißes Hemd, Kotletten wie Elvis Presley. Silbergraue Strähnen glänzten im dichten, schwarzen Haar, das ihm nie vollständig ausgehen sollte.

Wenn er von seiner Vergangenheit erzählte, wurde seine olivbraune Haut ganz fahl. Manchmal erzählte er vom Zweiten Weltkrieg, davon, wie sein bester Freund von einer Granate zerfetzt wurde, und von der Todesangst, als er sich allein mit seiner Mutter in Hermannsburg verbarrikadierte. Doch der Krieg sollte nicht sein einziges traumatisches Erlebnis bleiben. In seiner zweiten Ehe, er lebte noch in München, verlor er drei Kinder. Er gab sich die Schuld an ihrem Tod. Bis zum Schluss. Zu diesem Zeitpunkt verlor er auch sein Lachen. Ich glaube, ich habe meinen Vater drei Mal in meinem Leben lachen gesehen. Seine Ernsthaftigkeit habe ich ihm nie übel genommen, verstanden aber habe ich sie erst viel später.

Die Diagnose

Als meine Mutter, seine dritte Ehefrau, zum zweiten Mal schwanger war, zweifelte mein Vater, ob es gut wäre, noch ein Kind zu bekommen. Er sagte: „Ich glaube, dass ich dieses Kind nie aufwachsen sehen werde“. Fast hatte er recht behalten. Ich war fünf Jahre alt, mein Vater 55, als eine chronisch lymphatische Leukämie (kurz CLL) bei ihm diagnostiziert wurde. Anfangs lebte er damit fast ohne Einschränkung, ging in seine Praxis, besuchte seine Patienten, und segelte in seiner Freizeit auf dem Bodensee. Mit 63 lag er das erste Mal auf einer Intensivstation, wachte stundenlang nicht mehr aus dem Koma auf. Freunde meiner Eltern holten mich aus der Klinik in Freiburg ab, klaubten mich vom Flurboden wie ein Bündel Altkleider. Mit 66 wollte mein Vater keine Chemotherapien mehr. Er glaubte nicht, dass sie ihm noch helfen könnten.

Die Hoffnung

Zufällig las er von einem neuen Medikament, das in den USA entwickelt und in der Schweiz als erstem Land weltweit zugelassen wurde. Mit Antikörpern sollte das Non-Hodgkin-Lymphom (NHL) behandelt werden. Zwar hatte er Leukämie, doch er wollte es unbedingt ausprobieren. Was gab es schon zu verlieren? Ende 1997, als die Menge an weißen Blutkörperchen in seinen Blutbahnen lebensbedrohlich wurde, erhielt er zunächst Blutwäschen und anschließend drei Infusionen des Medikaments.

Sein Blutbild verbesserte sich, die Antikörper halfen ihm. Natürlich konnten sie ihn nicht mehr heilen, dafür war es zu spät. Aber er konnte noch zwei Jahre leben. Ohne Chemotherapie. Er starb am 16. Februar 2000, mit 69 Jahren und weniger als 50 kg Gewicht, aber er starb zu Hause, das hatten wir ihm versprochen.

Der Kämpfer

Mein Vater war Arzt, was die Sache erschwerte. Er wusste genau, was mit ihm geschehen würde. Aber er war auch ein Kämpfer, er hat nie aufgegeben. Und vielleicht war er sogar Wegbereiter. Denn seit dem Jahr 2009 wird das Medikament MabThera® / Rituximab tatsächlich auch zur Behandlung von chronisch-lymphatischen Leukämien eingesetzt. Man könnte sagen, er hat sich bis zum Schluss an seinen hippokratischen Eid gehalten – und anderen Menschen geholfen.

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